Der erste Schritt zur Gleichberechtigung der deutschen Juden

Vor zweihundert Jahren beseitigten die meisten deutschen Staaten den Judenleibzoll


"Ich sage, daß Deutschlands Regenten durch diese allgemeine Leibzollabschaffung auch in dem Juden den Menschen ehren, indem sie ihn aus dem Sumpf wieder hervorsteigen lassen, in welchen er vorzüglich durch diese ihn mit dem Vieh in gleiche Kategorie setzende Abgabe hinabgestoßen wurde." Mit diesen Worten wandte sich ab 1803 der "Fürstlich Isenburgische Hof- und Kammeragent" Wolf Breidenbach (1751-1829) aus Offenbach an die deutschen Fürsten und forderte die Aufhebung einer die Menschenwürde der jüdischen Bevölkerung Deutschland tagtäglich tief verletzenden Abgabe. Sein eigener Landesherr, der Fürst zu Isenburg, hatte den Judenleibzoll bereits am 9. September 1803 aufgehoben. Dieser Leibzoll war ausschließlich von jüdischen Reisenden beim Überschreiten einer der unzähligen Grenzen des in Kleinstaaten zersplitterten Deutschland zu entrichten, nicht etwa für die von ihnen möglicherweise mitgeführten Waren, sondern für ihre eigene Person wie für ein Stück Vieh.

War schon die Abgabe selbst erniedrigend, so waren die mit deren Eintreibung häufig verbundenen Schikanen und Mißhandlungen an den Zollstationen und auf den Straßen und Wegen noch schimpflicher. Darüber hinaus traf diese Abgabe fast ausschließlich die vielen armen jüdischen Kleinhändler und Hausierer und schmälerte ihren kärglichen Gewinn. Die reichen Juden, vor allem die fürstlichen Handelsbeauftragten wie Breidenbach selbst, besaßen Freipässe oder sonstige Handelsprivilegien, die sie vom Leibzoll befreiten. Breidenbach legte in seinen zahlreichen Briefen an die Landesherren dar, daß nur eine vollständige Beseitigung des Leibzolles den Begriffen der Aufklärung von Moral und Gerechtigkeit genügen könne. Die Aufhebung des Leibzolls belebe außerdem den Handel, verringere die unter der ländlichen jüdischen Bevölkerung weitverbreitete Armut und nutze so den Staatseinnahmen mehr als seine Beibehaltung.

Seine Ausführungen wiesen aber auch schon über das engere Thema des Leibzolls hinaus: "Solange die harten Gesetze meiner Nation die Hände banden, solange der Jude kein Handwerk lernen und treiben darf, da kein Bauer, dort kein Handlanger und in manchen großen Städten kein Holzholer sein darf, endlich, solange und wo der Zoll nicht aufgehoben ist, kein Botengänger sein kann, weil der Botenlohn im Zoll aufgehet und nicht hinreicht, solange kann man dem Juden keinen Vorwurf machen, seine Hände nicht gebrauchen zu wollen!" Wenn man der jüdischen Bevölkerung erlaube, "andere und bessere Gewerbe als den noch obendrein für sie beschränkten Handel zu ergreifen", schaffe man sich in ihnen brauchbarere und nützlichere Untertanen. "Der Bettelstab hört auf, Nahrung und Wohlstand tritt ein, und Juden und Christen nähern sich mit Nächsten- und Bruderliebe, wie es die reinen Grundsätze der Religion wollen."

Breidenbachs Appell an Moral und Eigeninteresse der deutschen Fürsten - auf den Hinweis, daß das revolutionäre Frankreich seinen Juden und denen der eroberten linksrheinischen Gebiete bereits die vollen Bürgerrechte gewährt hatte, verzichtete er vorsichtshalber mit Rücksicht auf seine Adressaten - verfehlte seine Wirkung nicht: Nach Isenburg folgten bis 1805 das Kurfürstentum Hessen, die Landgrafschaft Hessen-Homburg, der ehemalige Mainzer Kurfürst mit den ihm verbliebenen Territorien Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar, die Herzogtümer Mecklenburg und Berg, die Reichsstadt Frankfurt und Hessen-Darmstadt diesem Vorbild. Nach und nach schlossen sich auch die übrigen deutschen Staaten an. Österreich, Preußen, Bayern und Braunschweig waren schon vor Breidenbachs Initiative vorausgegangen. Der erste praktische Schritt zur Verwirklichung des aufklärerischen Ideals von der Emanzipation auch der Juden von überlebten Einschränkungen war damit getan. Bis zur vollen bürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung war es aber noch ein langer, von vielen Rückschlägen begleiteter Weg, der erst mit der Reichsverfassung von 1871 an sein Ziel gelangte und bereits zwei Generationen später von den Nationalsozialisten wieder rückgängig gemacht wurde.

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© Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft e. V.